Nach dem Ausscheiden der Niederlande im Sechzehntelfinale der Weltmeisterschaft gegen Marokko steht Bondscoach Ronald Koeman massiv in der Kritik. Die Mannschaft verlor das Spiel mit 2:3 im Elfmeterschießen, nachdem es nach regulärer Spielzeit und Verlängerung 1:1 gestanden hatte. Diese Niederlage führte zu einer „Begräbnisstimmung“ in der Kabine und löste eine Debatte über Koemans taktische Entscheidungen aus.
Koeman wurde auf der Pressekonferenz nach dem Spiel gefragt, ob er dem Verband seinen Rücktritt angeboten habe, was er verneinte. Er kündigte jedoch an, „in Ruhe über seine Zukunft nachzudenken“. Die Kritik an seiner Person ist jedoch erheblich, und es wird erwartet, dass der Königliche Niederländische Fußballbund (KNVB) bald eine Entscheidung treffen könnte.
Kritik an Koemans Taktik und Systemwechsel
Ein zentraler Punkt der Kritik, die von nahezu allen Medien und Experten geäußert wurde, ist Koemans Abkehr vom traditionellen niederländischen 4-3-3-System. In den drei Vorrundenspielen gegen Japan (2:2), Schweden (5:1) und Tunesien (3:1) hatte Koeman noch auf dieses System gesetzt. Gegen Marokko entschied sich der Trainer jedoch für ein 5-2-3-System, das drei Innenverteidiger – Jan Paul van Hecke, Virgil van Dijk und Nathan Aké – sowie weit zurückgezogene Außenverteidiger wie Denzel Dumfries und Micky van de Ven vorsah.
Der ehemalige Ajax Amsterdam-Spieler Zlatan Ibrahimovic äußerte sich kritisch beim US-Sender Fox Sports: „Diese Niederlage geht auf das Konto von Koeman. Ich habe die Mannschaft nicht wiedererkannt. Koeman hat mit einer Identität verloren, die nichts mit der niederländischen Identität zu tun hat und das macht mich böse.“ Er betonte, dass man verlieren könne, aber mit der eigenen Identität.
Koeman verteidigte seine taktische Ausrichtung und erklärte, es gehe nicht darum, Angst zu haben, sondern „besser zu stehen“. Er wies darauf hin, dass er nicht per se defensiv habe spielen lassen, da es bei drei Stürmern geblieben sei. Die Umsetzung sei entscheidend gewesen. Trotz der Kritik schien seine Strategie zunächst aufzugehen, als Cody Gakpo die Niederlande in der 72. Minute in Führung brachte. Issa Diop gelang jedoch in der Nachspielzeit der Ausgleich für Marokko (90.+1), was das Spiel in die Verlängerung zwang.
Die Frage bleibt, ob ein mutigeres Vorgehen das Drama im Elfmeterschießen hätte verhindern können. Dort scheiterten drei Schützen der Niederlande: Justin Kluivert, Qinten Timber und Crysencio Summervile. Ein psychologischer Knackpunkt war der zweite Elfmeter Marokkos, bei dem Torhüter Bart Verbruggen den Ball zwar parierte, ihn aber unglücklich mit der Ferse ins eigene Netz beförderte.

Emotionen und Zukunftsaussichten
Die Niederlage war für die Spieler emotional sehr belastend. Kapitän Virgil van Dijk beschrieb es als den „schrecklichsten Moment als Fußballer“, und es flossen Tränen. Marten de Roon sprach von einer „Begräbnisstimmung“ in der Kabine und erklärte zudem seinen Rücktritt. Mehrere Spieler entschuldigten sich bei den Fans, da vor dem Anpfiff in Monterrey die Überzeugung geherrscht hatte, dass es eine gute WM für Oranje werden könnte.
Für Cody Gakpo war es ein besonders emotionaler Abend, da er und seine Freundin kurz vor dem Spiel den Verlust ihres ungeborenen Kindes öffentlich gemacht hatten. Trotzdem entschied sich Gakpo, in Absprache mit seiner Familie und dem Team, bei der Mannschaft zu bleiben und erzielte das Führungstor für die Niederlande.
Die Niederlande stehen nun vor einem Neuaufbau. Es wird erwartet, dass Ronald Koeman in den kommenden Tagen seinen Rücktritt bekannt geben wird. Als heißester Kandidat für die Nachfolge gilt der ehemalige Bundesligatrainer Peter Bosz. Der 63-Jährige war bereits für Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen tätig und ist aktuell erfolgreich mit der PSV Eindhoven, die er dreimal in Folge zur Meisterschaft führte. Er hatte seinen Vertrag dort erst im Februar bis 2028 verlängert. Sein bevorzugtes Spielsystem, das offensive 4-3-3, könnte dazu beitragen, die Kritiker zu beruhigen.

Die Niederlande schieden damit zum dritten Mal nach 2014 und 2022 bei einer WM im Elfmeterschießen aus. Marokko hingegen, das bereits bei der WM 2022 im Halbfinale stand, darf weiter von einem weiteren Fußballmärchen träumen und trifft im Achtelfinale auf Co-Gastgeber Kanada.
Die individuelle Klasse der niederländischen Spieler, von denen neun der elf Startelfspieler aus dem Marokko-Spiel in der englischen Premier League spielen, wird als enorm eingeschätzt. Auch die Altersstruktur gilt als günstig. Dennoch war Marokko in diesem Duell etwas stärker und möglicherweise reifer.
Read Also
Source: welt.de