England scheidet im WM-Halbfinale aus: Tuchels defensive Wechsel in der Kritik

Unglaublich, was bei England nach der 55. Minute gegen Argentinien geschah - BILD

England scheidet im WM-Halbfinale aus

England hat im WM-Halbfinale eine bittere Niederlage gegen Argentinien hinnehmen müssen, nachdem das Team eine 1:0-Führung verspielte. Nach dem Führungstreffer durch Anthony Gordon in der 55. Minute schien der Traum vom Finale greifbar. Doch die Zahlen nach diesem Tor zeichnen ein düsteres Bild der englischen Leistung. Zwischen Gordons Treffer und dem späten Siegtreffer von Argentiniens Lautaro Martínez in der Nachspielzeit hatte England nur noch zwölf Prozent Ballbesitz. Dies bedeutet, dass Argentinien fast 40 Minuten lang das Spiel dominierte und die „Three Lions“ in ihrer eigenen Hälfte einschnürte.

Die Mannschaft von Trainer Thomas Tuchel spielte nach der 55. Minute lediglich 18 Pässe in der gegnerischen Hälfte, während Argentinien auf 193 Pässe kam. Insgesamt spielte England nach der Führung nur 73 Pässe, während Argentinien fast viermal so viele verzeichnete. Auch offensiv war England mit Spielern wie Harry Kane und Jude Bellingham kaum noch präsent. Der Expected-Goals-Wert nach der Führung betrug magere 0,09. Die Engländer hatten nur zwei Ballkontakte im argentinischen Strafraum, im Vergleich zu 18 Ballkontakten für Argentinien, das einen xG-Wert von 1,78 erspielte.

Tuchels taktische Entscheidungen in der Kritik

Thomas Tuchel reagierte auf den Kontrollverlust mit defensiven Wechseln. Er brachte Ezri Konsa, Nico O’Reilly und Dan Burn ins Spiel, was dazu führte, dass zwischen der 82. Minute und dem Schlusspfiff zeitweise sogar sechs Verteidiger auf dem Feld standen. Dieser Plan ging jedoch nicht auf. Zuerst erzielte Enzo Fernández in der 85. Minute den Ausgleich, und dann köpfte Joker Lautaro Martínez nach einer Vorlage von Lionel Messi in der Nachspielzeit zum 2:1-Sieg für Argentinien ein. Englands Traum vom ersten WM-Sieg seit 1966 platzte damit.

Die Wechsel von Tuchel stießen auf breite Kritik. Ezri Konsa kam in der 72. Minute für den Torschützen Anthony Gordon. Zehn Minuten später ersetzte Dan Burn den Mittelfeldspieler Declan Rice, während Nico O’Reilly für den angeschlagenen Verteidiger Reece James eingewechselt wurde. Diese defensiven Umstellungen wurden von vielen als „Feigheit“ und „Coaching-Katastrophe“ bezeichnet. Die Boulevardzeitung The Sun schrieb: „England-Fans wütend auf Tuchel – das geht auf seine Kappe.“ Auch der Mirror kommentierte: „Das ist herzzerreißend. Tuchels Wechsel gehen nach hinten los.“

Tuchel selbst verteidigte seine Herangehensweise nach dem Spiel. Er übernahm die Verantwortung, bereute aber nichts und betonte, dass England eines ihrer besten Spiele gespielt habe. Er argumentierte, dass eine offensive Einwechslung seiner Meinung nach nicht geholfen hätte und es kein strukturelles Problem gewesen sei. Er wies auch darauf hin, dass es nach dem Spiel leicht sei, Entscheidungen im Nachhinein zu kritisieren.

Die Einwechslungen von Thomas Tuchel im WM-Halbfinale stoßen auf viel Kritik. Nach der Niederlage gegen Argentinien reagiert der England-Coach darauf.
Die Einwechslungen von Thomas Tuchel im WM-Halbfinale stoßen auf viel Kritik. Nach der Niederlage gegen Argentinien reagiert der England-Coach darauf. Credit: sport1.de

Parallelen zu früheren Entscheidungen und Tuchels Zukunft

Für einige FC Bayern-Fans weckten Tuchels defensive Wechsel Erinnerungen an ein früheres Halbfinale. Vor etwas mehr als zwei Jahren hatte Tuchel als Trainer des FC Bayern im Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid eine ähnliche Entscheidung getroffen. Nach einer 1:0-Führung durch Alphonso Davies in der 68. Minute wechselte Tuchel den Flügelspieler Leroy Sané aus und brachte den Innenverteidiger Minjae Kim (76. Minute). Auch damals endete das Spiel mit einer späten Niederlage, als Joselu mit einem Doppelpack in der 88. und 90.+1 Minute die Finalträume der Bayern zunichtemachte. In beiden Fällen nahm Tuchel schnelle, konterstarke Spieler vom Feld und ersetzte sie durch kopfballstarke Innenverteidiger.

Die Kritik an Tuchel ist nach dem WM-Aus in England sehr harsch. Ehemalige Nationalspieler wie Kyle Walker und Chris Sutton äußerten sich kritisch über seine taktischen Anpassungen. Joe Cole forderte sogar die Entlassung Tuchels und sprach sich für einen englischen Trainer aus. Auch internationale Fußballpersönlichkeiten wie Thomas Müller und Iker Casillas kritisierten die passive Spielweise Englands nach der Führung.

Trotz der massiven Kritik muss Tuchel um seinen Job wohl nicht bangen. Sein Vertrag wurde erst im Februar bis 2028 verlängert, und der Verband sieht laut Medienberichten keinen Anlass, den eingeschlagenen Weg zu verlassen. Geschäftsführer Mark Bullingham lobte die Anstrengungen des Teams und des Trainerstabs während des Turniers. Tuchel selbst denkt nicht an einen Rücktritt und freut sich auf die Heim-EM, auch wenn er die Leistung des Teams, das viele große Fußballnationen hinter sich ließ, als Erfolg wertet.

Thomas Tuchel frustriert am Seitenrand
Thomas Tuchel frustriert am Seitenrand Credit: sportschau.de

Der Coach betonte, dass er sich auf die Heim-EM freue, obwohl es im Moment schwierig sei, so weit vorauszudenken. Er hob hervor, dass viele große Fußballnationen bereits vor dem Halbfinale ausgeschieden seien, was die Leistung Englands unter seiner Führung unterstreiche. Die Geschichte wiederholte sich für Tuchel mit zwei späten Gegentoren, die die Finalträume platzen ließen.

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Source: bild.de

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Niklas Bauer

Sportredakteur mit Schwerpunkt Fußball und internationale Wettbewerbe.